|
PETER SCHÖNAU |
MAN SIEHT DIE STERNE NICHT. Roman.
![]() |
|
Deshalb war ich zwar oft verliebt, aber ich habe nie geliebt. Liebe bedeutet Leidenschaft und Leidenschaft bedeutet Ausschließlichkeit, und ich bin ein Konjunktiv-Mann, ein Mann, der sich alle Möglichkeiten offenhält. Denn sonst steht man sich selbst im Weg, solange man lebt. Das Leben ist wie ein Glücksrad, niemand weiß, wann es anhält. Deswegen folge ich dem Spruch der alten Lateiner: »Carpe diem«. Auf Deutsch: »Nutze den Tag, und glaube so wenig wie möglich an den nächsten!« Horaz hat gewusst, wovon er redete. Gestern war Sonntag, und wie jeden Sonntag war ich im »Gasthaus«. Um dort einige Jever zu trinken und »mein lukullisches Gastspiel« zu geben, wie Georg meinen Verzehr bezeichnet (ich wundere mich jedes Mal erneut, zu welchen klassischen Anspielungen Georg fähig ist). Ich habe drei Spiegeleier mit Bratkartoffeln gegessen. Das hat sich als eine ausreichende Unterlage für fünf gut gezapfte Jever erwiesen. Wie immer, hat Georg sich nur von flüssiger Nahrung ernährt. »Was ich essen kann, kann ich auch trinken«, sagt er. »Außerdem bin ich ein armer Arbeitsloser. Ich bin nur das wert, was ich auf dem Leib trage.« Georg übertreibt, immerhin verdient seine Frau nicht schlecht, und das Reihenhaus, in dem sie wohnen, gehört ihnen. Georgs Frau hat es geerbt. Aber er stellt sich gerne als bedauernswertes Opfer der Gesellschaft dar. Ich habe ihn gestern darauf hingewiesen. Das war nach meinem dritten Jever. Georgs Holsten hatte ich nicht gezählt, aber zu diesem Zeitpunkt war er schon in fortgeschrittener Stimmung. Dann fängt er manchmal an zu deklamieren. »Schillernd wie ein Regenbogen, verwirrend wie ein Labyrinth, geheimnisvoll wie der Code zum Glück.« »Von wem ist das?«, habe ich ihn gefragt. Georg hat triumphierend gesagt: »Von mir, und ich spreche von meiner Frau. Ich bin zeitlos glücklich.« Betrunkene übertreiben oft maßlos, und auch wenn ich gegen Georgs Frau (die ich vom Sehen kenne) nichts habe, fällt es mir schwer, zeitloses Glück mit ihr in Deckung zu bringen. Sie ist eine hausbackene Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, deren Erziehung Georg ihr gerne überlässt. Besonders attraktiv ist sie auch nicht. Nicht einmal, wenn ich versuche, sie mir zwanzig Jahre jünger auszumalen, wäre sie für mich eine Sünde wert. Doch ich bin tolerant (Toleranz ist die Tochter des Zweifels). Also kann ich nicht ausschließen, dass Georg glaubt, was er sagt, auch wenn das Leben oft die Vortäuschung falscher Tatsachen ist, wie ein VW-Käfer mit einem Mercedes-Stern auf der Haube. Wie auch immer, der Mensch an sich ist ein ziemlich hoffnungsloser Fall, weswegen ich zu Georg gesagt habe: »Glücklich sind die Menschen, wenn sie haben, was gut für sie ist.« Auf Georgs fragenden Blick durch »holsten-vernebelte« Augen habe ich erklärend hinzugefügt: »Stammt nicht von mir, sondern von Platon.« Der Zucker versinkt im Kaffee wie ein schmelzender Eisberg. Ich sitze in der Bar des Crowne Plaza, trinke einen Espresso und warte auf Nina. Zu Hause ist schon alles für eine aufregende Nacht vorbereitet, einschließlich einer Flasche Heidsieck Monopole, die ich Louise aus Agentur-Beständen abgeluchst habe. Nina ist ein Model und fliegt morgen früh nach Amsterdam weiter. Die Shootings sind abgeschlossen, die Nacht gehört wieder ihr und nicht mehr Fred und der Agentur, und deswegen hat sie einen Pitstop in meinem Haus nicht ausgeschlagen. Vielleicht hat sie auch mein persönliches Flair oder mein Aftershave überzeugt (was ich hoffe) und nicht nur der Zwang, etwas Zeit totzuschlagen. Nina hat ein schmales Engelsgesicht unter kurz-geschnittenem schwarzem Haar, das sich im Nacken zu widerspenstigen Locken kräuselt. Sie stammt aus Italien, aus Neapel, dem tiefen Süden. Ich habe in der Nähe von Neapel einmal einen Camping-Urlaub verbracht, seitdem beginnt dort für mich Afrika: Die Hitze, der Lärm, der Gestank der Abfälle, die nicht abgeholt werden, der chaotische Verkehr, die vielen Clandestini, das sind die illegalen Einwanderer, vor allem aus Libyen, Marokko und dem Maghreb, die das Land überschwemmen und das Straßenbild prägen. Hier scheint Europa zu Ende zu sein. Auch die Maut zahlt man auf der Autobahn nur bis Rom, dahinter beginnt so etwas wie ein Niemandsland, in dem der Staat nicht mehr präsent ist. Nina erscheint in der Bar. Heute ist sie nicht für den Laufsteg gekleidet. Sie trägt einen dunkel-grünen Rolli und dazu schwarze Jeans, die in roten Lackstiefeln enden. Sie setzt sich neben mich und bestellt auch einen Espresso. Ich sehe ihr beim Trinken zu und überlege, ob ich die zwei Espresso bezahle oder den Barmann bitte, sie der Agentur, die das Zimmer für Nina bezahlt, auf die Rechnung zu setzen. Am Ende bezahle ich, schließlich hat die Agentur schon die Flasche Heidsieck Monopole spendiert. »Andiamo«, sage ich. Das ist eine der wenigen italienischen Vokabeln, die von meinem Camping-Urlaub nahe Neapel hängengeblieben sind. Was trotzdem die Behauptung bestätigt, daß Reisen bildet. So komme ich mit meinen passablen Englisch- und rudimentären Spanisch- und Italienischkenntnissen international gut über die Runden. Nur Französisch ist auf meiner Sprachenlandkarte ein ziemlich weißer Fleck geblieben. Obgleich ich auch in der Sprache Voltaires wenigstens Grußformeln wie »Bonjour« und »Au revoir« beherrsche. Es ist ein nieseliger Abend, wie er für Hamburg in dieser Jahreszeit typisch ist. Nina hat mir erzählt, dass das Wetter in Amsterdam nicht besser sein soll und dass sie sich nach Neapel sehnt. Diese Sehnsucht kann ich nicht teilen. Natürlich sage ich das nicht laut, sondern äußere Verständnis. Heimat bleibt Heimat. Zu Hause angekommen drehe ich als erstes die Heizung auf. Dann präsentiere ich die Flasche Heidsieck Monopole. Ich gieße die Gläser voll, und wir stoßen mit »cin cin« an. Während wir die Flasche leeren, ziehen wir uns aus. |
|
|
|
|
| zurück |